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Jeanskleidchen und Lackschuh

 

Ich erinnere mich an ein furchtbar hässliches Jeanskleid mit roten Knöpfen. Ich weiß nicht, was das Schlimmste an diesem Kleid war, dieser nachgemachte unechte billige Jeansstoff, die Knöpfe und dann noch in rot oder, dass es ansich überhaupt ein Kleid war. Egal, jedenfalls gab es dazu die passende weiße Strumpfhose und schwarze Lackschuhe. Was aber unerträglich war, ist, dass meine Schwester den gleichen Look wie ich tragen sollte. Als ich sie angezogen in diesem hässlichen Kleidchen der weißen Strumpfhose und den schwarzen Lackschühchen sah,  war ich todunglücklich, denn mir war klar, dass ich mindestens genauso doof und bescheuert aussehen musste wie sie. Daran änderten auch meine wunderschönen schwarzen langen Haare und mein niedliches Gesicht nichts. So adrett gekleidet sollte es zum Besuch meiner Patentante Lisa und Onkel Werner auf´s Dorf gehen. Auch mein bockiges Aufstampfen und Rumheulen nützten nichts, ich musste in diesem hässlichen Outfit mit. Die Besuche bei Onkel Werner und Tante Lisa  waren immer toll und ich fand das Leben auf dem Dorf richtig spannend. Auch dass wir auf ein Plumpsklo gehen mussten und die Hände an einer Wasserpumpe gewaschen wurden, störte mich nicht, im Gegenteil, hier durfte man irgendwie noch Mensch sein. Auf dem Dorf liefen alle in schmutzigen Turnhosen herum und die Mädchen hatten kurze Haare und spielten und benahmen sich teilweise wie Jungs. Das hätte wirklich mein Leben sein können aber ich musste stattdessen in dieser Betonwüste in Halle - Neustadt aufwachsen mit diesen ganzen oberflächlichen arroganten dummen Erwachsenen, die weder von Kindern, geschweige denn von der Welt eine Ahnung hatten. Das Haus von Onkel Werner und Tante Lisa war ganz alt und wäre es nicht tiefster Osten gewesen, hätte man es wohl sofort abgerissen. Außen war gar kein Putz mehr über dem Mauerwerk und innen war es überall nass und kalt. Dennoch fand ich das alte Bauernhaus schön und mollig warm, denn der alte Kachelofen spendete ganz viel Gemütlichkeit und erzeugte unglaubliche Hitze. Nebenan, sozusagen in der zweiten Doppelhaushälfte, wie man es heute nennen würde, befand sich die Dorfschule. Diese bestand aus einem einzigen Unterrichtsraum und man hatte das Gefühl, der Krieg war gerade zu Ende. Die Tische und Bänke waren aus reinem Holz und sahen uralt aus. Vor dem Haus stand ein Fahrradständer, der völlig verrostet war. Aber so verrostet sollte er nicht bleiben, denn Onkel Werner war bereit, diesem Fahrradständer ein neues Gesicht zu verleihen. Der Topf mit schwarzer Farbe stand bereits neben dem Ständer und am nächsten Morgen wollte er mit dem Streichen beginnen. Nun war ich ja schon als Kind sehr hilfsbereit und packte immer mit an. Da entschloss ich mich,  Onkel Werner diese zusätzliche schwere Arbeit abzunehmen und öffnete vorsichtig den Deckel des Farbeimers. Ich rührte die Farbe mit einem riesigen Holzlöffel um und begann, liebevoll den Fahrradständer zu streichen. Doch weit bin ich nicht gekommen, denn plötzlich raste Katze Minka wild herum und zack fiel der Eimer mit der Farbe um. Die weiße Strumpfhose hatte nunmehr die Farbe schwarz – weiß und auch das gute  Kleidchen war mit schwarzer Farbe gemustert. Mich traf vor Panik fast der Schlag, denn mir war klar, dass alle nun denken würden, dass ich den Eimer absichtlich umgeworfen hatte und das nur, um meine Sachen zu beschmutzen. Während Onkel Werner in schallendes Gelächter ausbrach, wusste meine Mutti nicht, ob sie erst weinen und dann schimpfen sollte oder umgedreht. Ich glaube sie hat mich weinend ausgeschimpft. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Woran ich mich noch genau erinnern kann, ist, dass ich 200 m vor meiner Mutter und meiner Schwester laufen musste, weil sie sich in Grund und Boden für mich geschämt hatte. Ich fühlte mich ganz schön gedemütigt und von der ganzen Welt missverstanden. Da wollte ich Gutes tun und helfen und stattdessen waren alle sauer, böse und wütend auf mich. Am meisten ärgerte ich mich aber über mich selbst, weil ich es nicht geschafft hatte, den Fahrradständer fertig zu pinseln und somit positive Aufmerksamkeit und jede Menge Lob einzuheimsen. So war ich wieder nur das unartige Kind und dass meine Intention eine Gute war, interessierte überhaupt niemanden. Ich versuchte meine Mutter händeringend vom Gegenteil zu überzeugen, dass ich den Eimer nicht absichtlich umgeworfen hatte, nur damit ich dieses hässliche Kleid nie mehr tragen musste, aber es half nichts, Ich bekam trotzdem Hausarrest. Lieber wäre mir gewesen, man hätte dieses Kleid irgendwie retten können, so hätte ich es als Wiedergutmachung mit der weißen Strumpfhose und den schwarzen Lackschühchen freiwillig jedes Wochenende tragen können. So aber landeten das Kleid und die Schuhe auf dem Müll. Heute frage ich mich ja ernsthaft, wie man mit zwei achtjährigen Kindern auf´s Dorf fahren kann, ohne Sachen zum Wechseln mitzunehmen. Meiner Mutter hätte doch klar sein müssen, dass wir dort spielen und allein schon die Wege waren alle staubig, matschig und verdreckt. Dort gab es eine einzige Hauptstraße und alle restlichen Wege waren erdig und mit Schotter bedeckt. Man musste sich ja noch nicht mal Mühe geben, um völlig verdreckt nach Hause zu kommen. Dies gelang einem nur, wenn man den ganzen Tag am Kaffeetisch oder auf dem Sofa verbrachte. Aber dazu waren wir ja schließlich nicht auf´s Dorf gefahren, zumindest nicht meine Schwester und ich.

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