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Mit Sandaletten zum Mount Everest

Es war im Sommer 2010, als mein jetziger Schatzi und ich einen Spaziergang am Fuße der Alpen in Österreich planten. So waren wir ausgestattet mit nix. Naja ok wir hatten eine kleine Flasche Cola dabei aber ansonsten liefen wir einfach spontan los ohne Plan und ohne Ziel. Schatzi trug wie immer Sandalettchen, warum auch nicht, es war ja sehr warm. Ich trug Wanderschuhe aus sehr festem Material, weil ich immer mal Schwierigkeiten beim Laufen hatte. Aus unerklärlichen Gründen verspürte ich manchmal kaum Halt und knickte oft mit dem Fuß um. So kam es also, dass ich selbst bei 30 Grad Hitze und geplanten Spaziergängen auf glatter Fläche fest geschnürtes Schuhwerk trug. Wir fuhren also mit dem Auto in eine schöne Wandergegend mit umliegend sehr hohen Bergen und vielen grünen saftigen Wiesen und kleinen Seen. Das gefiel uns und so starteten wir an einer unglaublich grünen Wiese in einem Skigebiet mit vielen Liften. Wir liefen hochmotiviert los und kamen an glasklaren kleinen Seen vorbei, einer hatte sogar die Form eines Herzes. Auf den Wiesen und Weiden grasten Kühe und machten unanständige Dinge. Ich schaute dezent weg und natürlich haben wir uns auch nicht darüber unterhalten. Das war noch nie unsere Art und da bin ich bis heute auch sehr froh drüber. Wir haben einfach die Natur genossen und die Tatsache, dass bis auf die Kühe weit und breit niemand zu sehen war, machte uns da noch in keinster Weise stutzig. Nach einer halben Stunde fragte ich Schatzi, ob er das normal findet, dass hier überhaupt keine anderen Menschen zu sehen sind, immerhin sind Sommerferien und es ist Traumwetter zum Wandern. Nö, Schatzi fand das nicht komisch und so liefen wir weiter. Irgendwie ging es so ein bissel serpentinienartig immer weiter nach oben und so langsam kam mir das alles sehr merkwürdig vor. Naja aber je höher wir kamen, um so grandioser war die Aussicht. Um uns herum tauchten immer mehr Berge auf, die man von unten überhaupt nicht sah. Leider wurde aber auch der Weg immer schmaler, auf welchem wir uns befanden und ich fragte Schatzi, wie weit wir denn noch laufen wollen und ob wir nicht schon ganz schön weit oben wären inzwischen. Nö, das fand Schatzi überhaupt nicht und lockte mich mit noch schönerer Aussicht. Ehrlich gesagt war ich schon ganz schön groggi und brauchte die erste Pause. Die durfte ich großzügiger Weise auch machen und ich trank die Cola fast auf Ex aus. Ich legte mich ein paar Minuten ins Gras und versuchte den Duft der weiten grünen Welt zu genießen. Aber irgendwie hatte ich kein besonders gutes Gefühl und als ich mich so umsah, stellte ich fest, dass wir im Nirgendwo auf irgendeinem Berg mitten in den Alpen standen. In kurzen T-Shirts, Schatzi in Sandaletten, ohne Brot und Wasser. Für einen kurzen Moment überkam mich ein panisches Gefühl, was Schatzi aber sofort versuchte mir auszureden mit der Aussicht auf einen noch grandioseren Blick auf die Berge. Den brauchte ich aber schon gar nicht mehr, denn was ich da sah, reichte mir voll und ganz. Wozu denn noch höher steigen, die Aussicht war doch prima und vor allem war der Rückweg von dort aus noch überschaubar. Schatzi lief weiter und ich wollte natürlich keine Spielverderberin sein und lief hinterher, um festzustellen, dass wir nun an Stellen kamen, die nix mehr mit grüner Wiese und mit vorgelatschten Wegen zu tun hatten. Plötzlich standen Felsvorsprünge vor mir und versperrten mir den Weg. Schatz war schon längst über alle Berge, im wahrsten Sinne des Wortes, während in mir die erste Panikattacke hochkroch. Ich schaute nach unten und stellte fest, dass ein falscher Schritt hier auch durchaus ausreichen könnte, um weit hinunter zu stürzen und vielleicht zu sterben. So zack hier war dann auch Ende im Gelände, Schicht im Schacht, ich entschied mich für einen Auftritt als Panikqueen, der sonst eigentlich nur meiner Mutti zustand und fing an zu heulen. Schatz kam zurück und fragte, was los sei und lachte, allerdings hatte Schatzi da den Ernst der Lage noch nicht begriffen. Schatzi dachte ich scherze und hüpfte wieder von Stein zu Stein in Sandalettchen und sang doch tatsächlich ein Wanderlied. Schatzi rief, dass ich doch nun endlich  mal weiterlaufen solle. Weiterlaufen? Das sollte wohl ein Witz sein, unter Laufen verstand ich etwas völlig Anderes. Mein Verstand begann da bereits, völlig auszusetzen und jegliche Logik verabschiedete sich in den Ruhestand. Ich heulte und rief Schatzi zu, dass ich keinen Millimeter mehr weiter gehen würde. Jetzt merkte auch Schatzi, dass etwas nicht mit mir stimmte und versuchte mich zu beruhigen aber meine Angst fraß sich durch meinen ganzen Körper und lähmte mich komplett. Heulend schrie ich Schatzi an, dass ich allemal noch bereit wäre, in einen mich rettenden Hubschrauber zu steigen. So das war Schatzi jetzt zu viel und ich wurde angeschrien, was mir denn bitteschön passieren solle, wenn ich immer schön darauf achte, wohin ich trete oder laufe. Zack bums das saß und ich kam allmählich wieder zu mir. Huch, so kannte ich Schatzi ja noch überhaupt nicht und es zeigte Wirkung. Ich riss mich zusammen und als ich fast klaren Verstandes weiter kletterte, denn an laufen war nun überhaupt nicht mehr zu denken, schämte ich mich fast für meinen Theaterauftritt. Ich kann es auch überhaupt nicht erklären, aber als ich da vorher nach unten schaute, da überkam mich eben einfach Angst. Ich schaute nun nicht mehr nach unten und konzentrierte mich auf jeden Schritt und kletterte einen Stein und Felsen nach dem anderen vorsichtig hoch. Zwischendurch machte ich immer wieder Pause, denn körperlich war ich mit meinen Kräften bereits völlig am Ende. Das verriet ich Schatzi natürlich nicht, schließlich wollte ich nicht schon wieder der letzte Looser sein. Es war mir sowieso ein absolutes Rätsel, wie Schatzi fast jeden meiner Schritte noch mit einer Kamera festhalten konnte. Gott sei Dank hatte ich bereits zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Kraft mehr, darüber nachzudenken, wie wir hier jemals wieder herunterkommen sollten. Und dann irgendwann nach 6 h sah ich dieses Kreuz da oben auf dem Gipfel und ich überwand all meine Angst und meinen 100 kg schweren Schweinehund und kletterte die letzten Felsen hinauf und dann zog ich mich mit allerletzter Kraft den letzten Stein hoch und schrie erstmal laut vor Erschöpfung und setzte mich dann an das Kreuz und heulte ganz ganz bitterlich. Alle Angst und Anspannung fielen von mir ab und ich war unglaublich stolz in diesem Moment. Dann nahmen wir das Gipfelbuch und sahen, dass wir auf 2.350 m die Sekarspitze hinauf geklettert waren. Angefühlt hat es sich, als hätten wir den Mount Everest bestiegen. Was das für eine grandiose Leistung war, zeigte uns das Gipfelbuch, in welchem gerade mal ca. 5-6 Menschen pro Tag ihren Aufstieg eintrugen. Ich vermute allerdings, dass die alle mit Bergwanderschuhen und Stöcken sowie ausreichend Proviant ausgerüstet waren. Wir hingegen hatten diesen Aufstieg in Sandalettchen und einer Flasche Cola bewältigt. 15:20 Uhr war es, als wir da oben am Kreuz mit geschwollener Brust standen. Gut, dass ich an diesem Tag keinen BH trug, ich glaube der wäre geplatzt vor Stolz. Als wir zur anderen Seite hinunterschauten, sahen wir eine Seilbahn, die in noch in Betrieb zu sein schien. Schatzi und ich sahen uns an und wussten, dass wir nun Ballett machen mussten, wenn wir zumindest einen Teil des Rückweges mit der Seilbbahn wollten. Woher ich die Kraft und vor allem den Mut für den Abstieg und den Weg bis zur Seilbahn genommen habe, weiß ich bis heute nicht. Kurz vor Erreichen der Seilbahn sah ich, dass die Jungs dort bereits alle Wagen rausgenommen haben und ich befürchtete, dass wir die letzten 1000 m nach unten doch zu Fuß gehen müssen. Schatzi rannte zur Seilbahn und sprach mit den Jungs und die meinten, wir sollen gechillt bleiben, sie würden uns mit der letzten Gondel mit nach unten nehmen. Die letzten 500 m kroch ich bereits auf allen Vieren und ich fiel fast ohnmächtig ins Gras und heulte, weil ich einfach nicht mehr konnte. Gleichzeitig verfluchte ich Schatzi und war mir in diesem Moment nicht sicher, ob ich mein weiteres Leben mit einem Chaoten verbringen wollte. Die Jungs haben uns dann gefragt, ob wir ganz oben waren und so erzählte ich die irre Story und die zwei zogen echt den Hut vor uns. So verrückt und wahnsinning dieses Erlebnis war, heute bin ich froh, dass ich einmal in meinem Leben einen richtigen Gipfel bestiegen habe. Heute, wo ich kaum noch laufen kann und mich fast nur noch im Rollstuhl fortbewegen kann, denke ich oft an diesen Aufstieg und daran, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur daran glaube. Ich denke daran, dass ich in manchen Situationen einfach nicht denken darf sondern machen muss. Das machen muss, was man eben in solchen Ausnahmesituationen macht. 

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