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Schneewitchen & die 7 Zwerge

 

 

Als Kind hatte ich lange pechschwarze Haare und meine Haut war immer extrem blass. Ich sah manchmal wirklich aus, wie das Schneewitchen in der DEFA Märchenverfilmung von 1972.  Ich finde, dass ich irgendwie immer krank aussah aber meine Mutti meinte, ich sei das schönste Mädchen auf der ganzen Welt und Blässe verleihe einem Mädchen das gewisse Etwas . Das habe ich ihr dann auch einfach mal so geglaubt und so konnte ich mit den Hänseleien wie Hexe oder Rabenkind relativ gut umgehen. Zudem behauptete meine Mutti, dass die alle nur neidisch sind, weil sie Haarfarben wie  Straßenköterblond oder hexenrot  auf ihren Köpfen mit sich herumschleppen mussten. Da hatte meine Mutti einfach Recht aber erzählen Sie das mal bitteschön einem kleinen Kind. Ich war in meiner Stadt die Einzige, die von Natur aus solche pechschwarzen Haare trug.  In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an den Vorschulkindergarten. Ich sollte mit 7 Jahren endlich eingeschult werden, was im Übrigen damit zusammenhing, dass ich durch die Vorschuluntersuchung mit 6 Jahren durchgefallen bin. Obwohl ich bereits lesen und schreiben konnte, wurde ich nicht eingeschult sondern musste ein weiteres Jahr in den Kindergarten gehen und schauen, wie ich dort mit meiner geistigen Unterforderung klarkommen sollte.  Als Begründung gab man an, dass selbst die Zuckertüte größer als ich sei und ich körperlich gar nicht in der Lage wäre, einen Schulranzen zu tragen.  Ich habe mich nicht gegen diese Entscheidung gewehrt, da ich mir wohl auch nicht vorstellen konnte, als Einzige mit einem Handwagen in die Schule zu kommen. Naja jedenfalls war es nun fast soweit und zum krönenden Abschluss der Kindergartenzeit hatte sich unsere Kindergärtnerin einfallen lassen, das Märchen Schneewittchen und die 7 Zwerge aufzuführen. Die Kindergärtnerin bestimmte, wer welche Rolle zu spielen hatte,  und nun dürfen Sie dreimal raten, welche Figur ich übernehmen sollte. Ohne Ihnen nahetreten zu wollen aber ich glaube, sie liegen mit allen 3 Versuchen falsch. Nein es war nicht das Schneewittchen, obwohl das bereits aufgrund meiner schwarzen langen schönen Haare und meiner blassen Haut naheliegend gewesen wäre, nein es war auch nicht der größte Zwerg, wobei auch das aufgrund meiner geistigen Reife naheliegend gewesen wäre und nein es war auch nicht die Königin und wie sie möglicher Weise auf die Idee gekommen sind, ist mir gänzlich schleierhaft. Schließlich fehlte es mir bereits an der Eigenschaft der Bösartigkeit. Ich sollte tatsächlich den kleinsten Zwerg spielen und da hörte der Spaß bei mir auf. Ich verfiel augenblicklich in eine bockende Starre und weigerte mich, in der Aufführung mitzuspielen. Begründet habe ich meinen Ausstieg aus dem Stück damit, dass ich bereits nur aufgrund meiner schwarzen Haare und der damit verbundenen Ähnlichkeit des Schneewittchens das Recht dazu hätte, dieses auch spielen zu dürfen. Im Gegensatz zu allen anderen war mir klar, dass es niemals ein anderes Schneewittchen hätte geben können. Die Zuteilung der kleinsten Zwergenrolle empfand ich als bodenlose Frechheit und eine absolute Fehlbesetzung. Meine Rolle sollte ein Mädchen namens Anja spielen. Anja hatte strohblonde kurzgeschnittene Haare, blaue Augen und wenn sie länger als 5 Minuten neben mir stand, bekam ich eine Genickstarre, so riesig war sie. Kurzum sie war das krasse Gegenteil von Schneewittchen und meiner Meinung nach stand ihr nur eine Rolle perfekt, die des größten Zwerges. Vermutlich habe ich das Anja mehrfach erfolgreich suggeriert,  plötzlich wollte sie nämlich von ganz alleine gar nicht mehr das Schneewittchen sein. Ich hatte mich also doch noch unter allen Bewerberinnen durchgesetzt und bekam die Rolle. In meiner Rolle als Schneewitchen bin ich förmlich aufgeblüht und die Tatsache, dass man mir versprach, den vergifteten Apfel anschließend behalten und essen zu dürfen, ließ mich meine Rolle so brilliant spielen, dass es nach dem Ende der Aufführung tobenden Beifall aller Eltern gab. Leider musste ich nach dem Auftritt weinen und bis heute habe ich nicht verstanden, wo der vergiftete Apfel geblieben ist, der, nachdem ich mich kerzengerade auf die Holzliege warf unter den Schrank gerollt ist. Keine Sekunde und das trotz einer gespielten tötlichen Ohnmacht hatte ich diesen wunderschönen Apfel aus den Augen gelassen, doch nach der Aufführung war er einfach weg. Im Prinzip blieb ja nur die Möglichkeit, dass irgendjemand diesen Apfel gestohlen hatte aber warum nur. Waren doch Äpfel so ziemlich das Einzige, was man im Osten immer zu kaufen bekam, egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Das wollte ich nicht verstehen, dieser Apfel war doch nur für mich so wertvoll, was sollte ein anderer damit schon groß anfangen, außer ihn zu essen. Für mich wäre es niemals in Frage gekommen, diesen wunderschönen einzigartigen Apfel zu essen und ihm damit seine Wichtigkeit und unendliche Bedeutung zu nehmen. Vermutlich würde er noch heute in einer Glasvitrine an meinen Auftritt erinnern, denn es war der erste und auch letzte Auftritt als Schauspielerin. Es wäre so etwas wie mein persönlicher Oskar gewesen. Sozusagen der Apfel - Oskar. Wer hatte mir das nur angetan, diese Frage blieb bis heute ungeklärt und beschäftigt mich zugegebenermaßen immer noch. Den kleinsten Zwerg musste im Übrigen meine Schwester spielen. Diese Tatsache lasse ich jetzt mal unkommentiert so stehen.  

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